Jede Ordnung wird von der Anarchie korrigiert. Denn "alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht". Der hundertjährige Ernst Jünger schrieb diese Maxime aus dem "Faust", die er oft zitierte, Schopenhauer zu. Seine Frau Liselotte korrigierte ihn, "das war Goethe". Und er: "Aber Schopenhauer hat es zitiert. Na gut." Was kümmerten ihn, der die planetarischen Ereignisse mit der Abgeklärtheit eines unbeteiligten Beobachters zu kommentieren pflegte, solche Kleinigkeiten. Längst hätte es ihm gereicht, sich auf seine Käfersammlung zu konzentrieren, um sich - erneut zitierte er Goethe - ansonsten "aus der Welt der Erscheinungen zurückzuziehen." Im hohen Alter darf man sich selbst historisch werden. "Manchmal trinkt man morgens Kaffee. Das ist eine gewisse Epoche. Dann wieder Tee oder einfach Mineralwasser. Das sind Lebensabschnitte."
Es sind solche kleinen Irritationen, Belustigungen, manchmal auch Verärgerungen, die die gesammelten Gespräche mit Ernst Jünger so lebendig machen. Da bricht das Gravitätische, Erhabene, das er kultivierte, momentweise auf. So rief ihn 1982 Horst Tomayer im Auftrag der Zeitschrift Konkret an, indem er sich für Luis Trenker ausgab. Im Gespräch mit dem "Alpenfreund" entwickelt Jünger eine tiefenhumoristische Grandezza. Das Ansinnen des falschen Trenkers, endlich einmal zusammen etwas im Fernsehen zu machen, lässt Jünger in formvollendeter Höflichkeit ins Leere laufen. Seine Gesprächspartner pflegte er selber auszusuchen.


